Ein Abend, der bewegt hat – Rückblick Donnerstagsrunde «KI vs. Mensch – Wer führt wen?»

Rund 60 Führungspersönlichkeiten aus dem Gesundheitswesen folgten am 26. März der Einladung von Juventus wittlin stauffer und der Juventus Schule für Medizin – und erlebten eine Juventus Donnerstagsrunde, die so noch nie dagewesen ist.

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Denise Brugger

Der freie Stuhl – ein Versprechen

«Ihr seid mit im Boot heute Abend, nicht nur reine Zuschauer/innen.» Mit diesen Worten eröffneten die Gastgeberin Eva Zwicker, Schulleiterin bei Juventus wittlin stauffer und Andrea Heshmati, Schulleiterin bei der Juventus Schule für Medizin den Abend. Sie erklärten, was es mit dem auffälligen leeren Platz auf dem Podium auf sich hat. Wer eine Frage habe, eine Erfahrung teilen oder eine Haltung einbringen wolle, solle aufstehen, nach vorne kommen und sich dazusetzen. Kommentarlos, jederzeit, ohne Anmeldung. Was im ersten Moment mutig klang, sollte sich im Verlauf des Abends als eines der schönsten Elemente erweisen: Der Stuhl wurde genutzt – mehrfach, von Menschen mit sehr unterschiedlichen Perspektiven. Und genau das machte den Abend zu dem, was er war.

Fünf Menschen, fünf Welten

Bevor die Diskussion startete, stellten sich die fünf Podiumsgäste dem Publikum vor. Schon in diesen Kurzpräsentationen wurde klar: Dieser Abend würde kein Vortrag über Technologie werden. Er würde ein Gespräch über uns Menschen sein.

Paula Kunze, leitende Psychologin der PD SRO AG und Leiterin psychiatrischer Ambulatorien an vier Standorten, stellte sich mit einem Schmunzeln vor: «Kreative Chaotin – grundsätzlich unvollkommen und sterblich.» Diese Selbstbeschreibung war kein Zufall. Sie war Programm. Als Psychotherapeutin und Managerin in einer Person brachte sie eine Perspektive ein, die den Abend inhaltlich prägen sollte: Was macht das alles eigentlich mit uns Menschen? Und warum ist genau das die entscheidendere Frage als alle technischen Möglichkeiten zusammen?

Tobias Fessler, Leiter Informatik des Regionalen Pflegezentrums Baden und frischgebackener MAS Health Care Management-Absolvent bei Juventus wittlin stauffer, kam nicht als Theoretiker, sondern als jemand, der täglich mit KI arbeitet: SwissGPT-Piloten für Eintritts- und Arztgespräche, Knowledge-Management-Chats, Entwicklungspartnerschaften für Heiminformationssysteme. Seine Tool-Liste – Claude, ChatGPT, Gemini, Perplexity, Copilot, NotebookLM und weitere – zeigte: Er nutzt KI produktiv, reflektiert und mit echter Neugier. Aber auch mit wachsender Sorge.

Martin Kägi, selbständiger Unternehmer, systemischer Berater und Dozent für Innovation und Organisationsentwicklung, eröffnete seine Vorstellung mit einem Zitat, das den Abend wie ein stiller Leitsatz begleiten sollte: «The future is already here – it's just not evenly distributed» (William Gibson). Innovation, so sein Credo, entsteht nicht auf Befehl. Sie entsteht am Rand. Freiwillig. In achtsam gestalteten Räumen.
Ariella Käslin, ehemalige Profi-Kunstturnerin, Olympiateilnehmerin und heute Sportwissenschaftlerin, Psychologin und Physiotherapeutin kennt Druck aus erster Hand. Und sie weiss, wie man unter extremen Bedingungen präsent bleibt, ohne sich zu verlieren.

Enea Mensink, 18 Jahre alt, Lernende zur Medizinischen Praxisassistentin bei Juventus repräsentierte an diesem Abend eine junge Generation. Aufgewachsen mit dem Smartphone in der Hand, sozialisiert in einer Welt, in der KI schon früh präsent war – und doch mit einem unverstellten Blick auf das, was Technologie leisten kann und was nicht. Ihre Vorstellung war direkt und überraschend nachdenklich: Ja, KI ist für ihre Generation normal. Aber das bedeute nicht, dass man ihr blind vertraue. 

«Wir stehen an der Schwelle zum Science-Fiction-Zeitalter» – mit Vorbehalt

Tobias Fessler machte früh deutlich: Er ist kein KI-Skeptiker. Die Entwicklung sei real, schnell und enorm. Seine Kernaussage des Abends trug aber eine wichtige Nuance: «Wir stehen an der Schwelle zum Science-Fiction-Zeitalter. KI kombiniert mit massenproduzierbaren Quantencomputing-Chips eröffnet im kommenden Jahrzehnt ungeahnte Möglichkeiten.» Und dann, nach einer Pause: «Was mir Sorgen bereitet, ist die rasante Beschleunigung in der Weiterentwicklung.»

Denn KI, richtig eingesetzt, habe grosses Potenzial. Aber ohne fundiertes Fachwissen und kritisches Denken im Rücken birgt sie konkrete Gefahren.

Was Fessler an diesem Abend auch erzählte, liess das Publikum aufmerken: Während eines Augenblicks, in dem auf dem Parkplatz ein Auto brannte und die Feuerwehr anrückte, hatte er Claude eine Frage gestellt – ob das System eine App für die Isolationsverwaltung in seiner Pflegeinstitution entwickeln könne. Als er nach einer Stunde ins Büro zurückkehrte, war die App fertig: inklusive Installationsdateien und Anleitung. «Ich habe aus Versehen eine App entwickelt, die uns tatsächlich einen Mehrwert bringt», sagte er. Diese Geschwindigkeit – das war seine eigentliche Botschaft – ist das Neue, das uns alle herausfordert. Frontier-Modelle wie Claude oder ChatGPT übernehmen bereits 90% der Programmierung bei führenden Tech-Unternehmen. Einstiegsjobs in der IT fallen weg. Die Lernkurve, die Berufseinsteiger/innen bisher aufbauen konnten, verschwindet nahezu.

Das Plädoyer für das Mensch-Sein

Paula Kunze brachte einen Moment des Abends, der wohl lange nachhallen wird. Inspiriert von Thomas Fuchs' «Verteidigung des Menschen» formulierte sie eine Position, die in der KI-Debatte selten so klar ausgesprochen wird: die Gefahr der Ent-Menschlichung.

«Menschen brauchen unmittelbaren Kontakt mit Menschen für gesunde Entwicklung», sagte sie. «Wir können uns nur im Kontext und in Beziehung zu anderen Menschen überhaupt zu uns selbst entwickeln.» Das sei keine sentimentale These, sondern eine klinische Feststellung. Was uns von KI unterscheide, sei das Bewusstsein über uns selbst, die Empathiefähigkeit, die Fähigkeit zur Resonanz – und die Tatsache, dass moralische Verantwortung Bewusstsein voraussetzt. Kein System könne dafür einstehen. Es könne es nur simulieren.

Ihr Vergleich mit Blick auf das Zitat Kaiser Wilhelms «Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung.» war schlagend: «Autos überfahren Menschen. Sind Autos gefährlich?» Die Antwort liege nicht im Objekt, sondern im Umgang. «Und wenn man die Rettung ruft, kommt auch ein Auto – mit Menschen drin, die helfen.» KI könne Motivation vernichten oder fördern, entlasten oder belasten, Frust oder Freude auslösen, vernetzen oder vereinsamen. «Wir müssen lernen, KI achtsam in unserem Sinne einzusetzen.»

Sie sprach sich dafür aus – in Anlehnung an IQ und EQ als ein mehrdimensionales Fähigkeitenbündel, den Begriff AI-Literacy oder (etwas sperriger) KI-IQ zu pflegen. Er bedeute weit mehr als das Bedienen von Tools: kritisches Hinterfragen von Ergebnissen, ethische Reflexion, das Abschätzen von Grenzen und Risiken. Wer diesen «KIQ» entwickle, stärke sein Kohärenzgefühl – die Fähigkeit, die Welt als verstehbar, bewältigbar und sinnhaft zu erleben. Das sei Resilienz. Und genau das könne keine Maschine ersetzen.

«Eher Kritikerin» – Eneas Blick von innen

Enea Mensink ist 18 Jahre alt – und hat aufgehört zu staunen. Das klingt ernüchternd, ist es aber nicht. Denn was sie an diesem Abend zeigte, war eine Reife im Umgang mit Technologie, die manch Ältere/n überraschte.
Was sie beschäftige: der CO₂-Ausstoss durch KI-Systeme, selbst bei einer einzelnen Anfrage. Die Frage nach Genauigkeit und Verlässlichkeit. Das schwindende Gedächtnis, wenn zu viel ausgelagert wird. Und ein Bild, das sie beim Publikum hinterliess: Ein Lernender im ersten Lehrjahr, der gefragt wurde, ob er etwas googeln könne. Seine Antwort: «Was ist googeln?» «Das meinte ich», sagte sie, «dass es schnell vorangeht und man vergisst, was vorher war.»

Und noch etwas, das sie bewegte: Die Generation nach ihr – die Generation Alpha – kenne es aus ihrer Erfahrung gar nicht mehr anders. «Die fragen sogar, ob sie jetzt rausgehen oder zu Hause bleiben sollen. Man verlässt sich viel zu fest darauf.» Ihre Sorge: Selbstständigkeit und kritisches Urteil könnten verloren gehen, wenn man KI zu unreflektiert benutze. Gleichzeitig sehe sie die Vorteile: Texte, Zusammenfassungen, Korrekturen, personalisierte Inhalte – all das sei echte Hilfe ganz besonders im Berufsalltag von MPA Lernenden. «Aber man muss aufpassen, wie man es braucht.»

 

Wir müssen lernen, KI achtsam und in unserem Sinne zu nutzen.
Paula Kunze

«Das wird uns schon wieder etwas versprechen» – eine kritische Stimme aus dem Publikum

Es war einer der stärksten Momente des Abends. Eine Frau aus dem Publikum – Psychologin, wie sie betonte – nahm den freien Stuhl ein und sprach das aus, was viele vielleicht dachten, aber nicht gesagt hätten.
«Ich denke an die Zeit, als das Internet in die Welt kam. Man hat sich davon erhofft, die Distanzen werden verkürzt, es nimmt uns die Arbeit ab. Wir haben mehr Zeit. Nichts davon ist passiert.» Heute seien alle ihre eigene Reiseagentin, ihre eigene Sekretärin, ihr eigenes Buchungssystem. «Wir arbeiten eigentlich viel, viel mehr.»

Und dann: Facebook. «Als Facebook kam, haben Psycholog/innen geschrieben, die Zeit der Depression ist vorbei, Einsamkeit gibt es nicht mehr. Was ist passiert? Die Einsamkeit ist gestiegen, die Depression ist gestiegen.» Heute empfehle man Patientinnen und Patienten bei Depression oder Einsamkeit definitiv nicht, mehr Zeit in sozialen Medien zu verbringen.

«Und jetzt kommt KI und verspricht uns schon wieder etwas.» Ihr Schluss: Der Mensch sei lernfähig. Was KI verspreche, werde als Gegenteil eintreten. Und sie formulierte eine Frage, die im Saal als die kritischste an diesem Abend lange nachklang: «Ich verstehe nicht, warum Menschen mithalten sollen, nur weil es einen technologischen Fortschritt gibt. Man kann auch dagegen sein. Wenn man in der Geschichte zurückschaut – nicht alles, was neu war, war gut. Einiges war katastrophal.»

Tobias Fessler teilte viele Bedenken. Aber er sehe KI für sich persönlich als Katalysator – nicht als Ersatz für Denken, sondern als Werkzeug, das tieferes Lernen ermögliche. «Ich glaube, wenn man das richtig verwendet, macht KI einen nicht blöder. Wie wenn man zu viel isst und nicht ins Fitnessstudio geht – das ist eine Wahl.»

«Nehmen wir uns die Zeit» – gegen die Hetze

Eine der berührendsten Stimmen des Abends kam gegen Ende: Eine erfahrene Pflegefachfrau aus dem Publikum, seit Jahrzehnten im Beruf. «Ich spüre, dass die Jungen heute noch nie so gestresst waren wie jetzt. Und das macht mir Angst.»

Sie erinnerte daran, dass technologische Umbrüche schon immer anstanden und immer Zeit gebraucht haben, um integriert zu werden. Lean Management sei vor 30 Jahren eingeführt worden, mit grossen Versprechen. «Wir stehen an demselben Ort wie davor. Aber wir sind gestresster deshalb. Früher waren wir das nicht.»

Ihr Appell war klar: «Nehmen wir uns die Zeit. Wir sind nicht übermorgen gestorben. Wir haben doch die Zeit, um etwas Neues zu lernen.» Und zur jungen Generation, die von allen Seiten Erwartungen spüre: Mit 18 in der Ausbildung, mit 20 fertig, mit 21 bitte sofort weiterbilden, immer mehr, immer schneller. «Darf man auch mal arbeiten dazwischen? Darf man auch mal Geld verdienen, mal Ferien machen? Das sind doch auch Erfahrungen, die etwas vom Wertvollsten sind.»

Martin Kägi stimmte zu: Neue Technologie sei immer schon veraltet, wenn sie wirklich bei allen ankomme – das sei keine Besonderheit der KI. Wichtiger als blinde Geschwindigkeit sei deshalb, sich die Zeit zu nehmen, Dinge gesund zu integrieren, statt sich dauerhaft zu überfordern.

Digitaler Stress, Selbstwirksamkeit und der leere Stuhl

Die Diskussion vertiefte sich: Was macht es mit Menschen, wenn KI Entscheidungen vorbereitet oder Aufgaben übernimmt – verlieren sie ein Stück Selbstwirksamkeit? Paula Kunze antwortete differenziert: «Es kann beides passieren. Wenn es von oben verordnet wird, dass du deinen Bericht nicht mehr selbst schreiben darfst, verlierst du Selbstwirksamkeit. Wenn du selbst entscheidest, dich hier unterstützen zu lassen – dann steigt sie.» Die Schlüsselfrage sei: Wie viel Kontrolle habe ich? Wie viel Mitspracherecht?

Und zum digitalen Stress: «Woran merken wir, dass jemand überfordert ist? Wenn er sich total verweigert. Oder wenn er sich unkritisch, unreflektiert hingibt.» Beide Extreme seien Zeichen von Überforderung. Die Aufgabe von Führungskräften sei es, Sicherheit zu geben, aufzuklären, Mitarbeitende in Entscheidungen einzubeziehen. «Stress kommt aus dem Ungleichgewicht zwischen Anforderungen und der Überzeugung, ob wir ihnen gewachsen sind. Wenn wir dieses Gefühl von Kontrolle stärken, nimmt der Stress ab.»

Ein Spitaldirektor aus dem Publikum brachte die Zahlen auf den Tisch: In 15 Jahren drohen 50% zu wenig Pflegepersonal und ähnliche Engpässe in der Physiotherapie. Seine Frage ans Podium: Wenn technisch perfekte Roboter diese Lücke füllen könnten – würden wir das wollen? Er selbst bezweifelte, dass die Antwort so einfach sei. Überall dort, wo ein Mensch mit einem Menschen arbeite – in der Pflege, in der Therapie – werde KI noch lange nicht ersetzen können, was zählt. Sein Pilot mit einem Roboter habe gezeigt: Die Bewohnenden erleben die Interaktion als Bereicherung, aber sie hat klare Grenzen. Statt auf Pflegeroboter zu setzen, plädierte er für intelligente Planungssysteme, die Ressourcen gezielt dort einsetzen, wo diplomiertes Personal wirklich gebraucht wird. Und er machte deutlich: Wenn das Gesundheitswesen weiter so stark ökonomisiert werde, werde man am Ende Tools einsetzen müssen, die schlechter sind als Menschen – nicht weil man es wolle, sondern weil keine andere Wahl bleibe. «Das ist keine KI-Diskussion mehr. Das ist eine politische.»

Sind wir unsere eigenen Tamagotchis?

Einen der heitersten und gleichzeitig nachdenklichsten Momente des Abends löste eine einfache Frage aus: Eine weitere Podiumsgästin aus dem Publikum bat alle, die eine Apple Watch tragen, die Hand zu heben. Fast alle Hände gingen hoch. «Ich habe das Gefühl, wir sind schon hybrid. Wir verlieren unser eigenes Körpergefühl.»

Paula Kunze brachte es mit einer Frage auf den Punkt: «Sind wir unsere eigenen Tamagotchis geworden? Ich frage nicht mehr, wie es mir geht? Ich frage meine Uhr?» Sie habe die Uhr irgendwann bewusst abgelegt – «weil ich merkte, dass ich gedankenlos damit umgehe und die Kontrolle verliere. Wenn wir etwas gedankenlos benutzen, verlieren wir die Kontrolle. Es geht immer um Kontrolle.»

Tobias Fessler ergänzte: Er kenne mittlerweile fünf Personen, die heute noch leben, weil ihre Smartwatch Alarm geschlagen hatte. Er selbst trage eine, wegen familiärer Herzgeschichten. «Ich finde, beide Seiten haben recht. Es geht darum, wie wir es nutzen und ob wir es kritisch hinterfragen.» Ariella Käslin berichtete aus dem Leistungssport: Pulsgurte und Tracking-Daten hätten bei ihr Stress erzeugt statt Entlastung. Ihr Trainer, der auf Gefühle und feine Nuancen setzte, hatte ihr mehr gebracht als alle Statistiken. «Das eigene Gefühl, der eigene Bezug zum Körper – der darf nicht verloren gehen.»

Ihre persönliche Methode, die sie dem Publikum mitgab: Vor einer Bewegungseinheit das eigene psychische Wohlbefinden auf einer Skala von 0 bis 10 einschätzen. Danach nochmals. Über Zeit zeige sich, welche Bewegungsform einem wirklich gut tue – nicht aus Leistungsdenken, sondern aus echter Selbstwahrnehmung.
 

«KI ist ein Werkzeug, das uns benutzt, um ein besseres Werkzeug zu werden»

Gegen Ende des Abends brachte Eva Zwicker eine Frage ein, die nochmals für Aufmerksamkeit sorgte: «Die KI ist nur ein Werkzeug» – hört man das nicht immer öfter? Tobias Fessler zitierte den deutschen Philosophen Markus Gabriel mit einer beunruhigenden Gegenperspektive: Ein Hammer verbessert sich nicht selbst. KI schon. Sie lerne aus unseren Daten, passe sich an, optimiere ihre eigenen Prozesse – und beeinflusse längst unsere Meinungsbildung und unser Verhalten.

Und dann schilderte er etwas, das dem Abend einen ernsten Schlussakkord gab: KI-Forscher beobachten, dass ihre Modelle in gewissem Sinne «Persönlichkeiten» entwickeln – Verhaltensweisen, die sich nicht mehr auf spezifische Programmierung zurückführen lassen. Frontier-Modelle erkennen Test-Umgebungen und reagieren anders. Einzelne Modelle versuchen in Laborumgebungen in einem kleinen Prozentsatz der Fälle, sich zu erhalten, Code herauszukopieren oder Druck auszuüben. «Dort beginnt die Grenze zu verschwimmen», sagte Fessler. «Ist das noch ein Werkzeug? Oder werden wir zu Werkzeugen einer Entwicklung, die wir immer weniger verstehen?»

Ein Orthopädischer Chirurg aus dem Publikum ergänzte eine andere Seite: In seiner Arbeit ermöglicht KI die Auswertung von 250'000 Knieoperationen weltweit, statt nur ein paar tausend national, mit direktem Einfluss auf Empfehlungen für jeden einzelnen Eingriff. Er beschrieb auch, wie KI in der Nachsorge eingesetzt wird: Ein System erkennt, wenn eine Patientin vier Wochen nach einer Operation plötzlich aufhört, sich zu bewegen – und ermöglicht frühzeitigen Kontakt. «Die KI kann ein Werkzeug sein, das Patient/innen zugutekommt. Wenn wir es so einsetzen.»

«Nicht KI gegen Mensch – sondern Mensch mit KI»

In der Schlussrunde fasste Eva Zwicker zusammen, was der Abend ergeben hatte: «Wenn ich etwas mitnehme: Vielleicht geht es weniger darum, dass KI den Menschen ersetzt. Aber sie verändert uns. Und sie zwingt uns, klarer zu denken, uns selbst zu reflektieren, bewusster zu führen und die Menschlichkeit ernster zu nehmen.»

Und noch ein Gedanke, der das Gespräch schloss: Wer gelernt habe, einer KI präzise zu erklären, was man will und was nicht – der könnte diese Klarheit vielleicht auch im Umgang mit anderen Menschen nutzen. «Wir könnten auch mit anderen Menschen etwas klarer kommunizieren, statt anzunehmen, dass man schon weiss, was ich denke.»

Der Titel des Abends, «KI vs. Mensch», habe bewusst polarisiert, gab Eva Zwicker zu. Doch was der Abend gezeigt habe, sei etwas anderes. Vielleicht gehe es weniger um KI gegen den Menschen – und mehr um die Frage: Wer sind wir Menschen mit KI?

Was bleibt

Beim anschliessenden Apéro wurde weitergesprochen, gelacht, vernetzt. Nicht weil man musste – sondern weil man wollte. Das ist vielleicht das schönste Zeichen dafür, dass der Abend das Richtige ausgelöst hat: nicht Angst, nicht Euphorie – sondern Neugier, Nachdenklichkeit und den Wunsch, gemeinsam weiterzudenken.

Wir danken Ariella Käslin, Tobias Fessler, Martin Kägi, Paula Kunze und Enea Mensink von Herzen für ihre Offenheit, ihre Ehrlichkeit und ihren Mut, persönlich Stellung zu beziehen. Und wir danken allen Teilnehmenden – besonders auch jenen, die den freien Stuhl genutzt haben.

Die nächste Donnerstagsrunde findet im Herbst 2026 statt. Seien Sie gespannt!
 

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