Ist das KV wirklich in der Krise?
Die Direktorin der Stiftung Juventus Schulen, Dr. Claudia Sidler-Brand und unsere Schulleiterin, Marion Hüsser geben eine Einschätzung.
Zwischenbilanz zur Umsetzung der KV-Reform an der Juventus Wirtschaftsschule
Vor Kurzem wurde in einem bekannten Schweizer Medium ein eher kritischer Artikel über die KV-Reform 2023 veröffentlicht. Die Kritik dort geht von derjenigen an den Lehrmitteln direkt über zur Kritik an der Reform und dem «neuen» KV insgesamt. Wir möchten den Blick auf die motivierten Jugendlichen lenken, die diese Ausbildung im Moment absolvieren und auf dieser Basis ihre Zukunft gestalten wollen.
Dafür haben wir nachgefragt, wie die Direktorin der Stiftung Juventus Schulen, Dr. Claudia Sidler-Brand und unsere Schulleiterin Marion Hüsser die KV-Reform an der Juventus Wirtschaftsschule erleben und wie ihre Sicht auf die Dinge aussieht:
Liebe Claudia, liebe Marion: Was ist das Besondere an der KV-Grundbildung auf sog. «schulischem Weg», wie man ihn an der Juventus Wirtschaftsschule absolvieren kann?
MaHu: Die Grundbildung für Kaufleute EFZ kann an der Juventus Wirtschaftsschule absolviert werden, auch wenn man keine Lehrstelle hat, weil ein kaufmännisches Vollzeitpraktikum integriert ist. Das heisst, die Lernenden gehen erst drei Semester Vollzeit in die Schule und sammeln danach ein Jahr im sogenannten «Praktikum» konzentriert Berufserfahrung. Sie sind in dieser Zeit zu 100 % berufstätig. Im sechsten Semester bereiten sie sich auf die eidgenössischen Abschlussprüfungen zum EFZ vor.
ClSi: Ein wesentlicher Vorteil des schulischen Wegs ist die Möglichkeit, sich zunächst vollkommen auf die schulische Ausbildung konzentrieren zu können. Dies erlaubt den Lernenden, ein solides theoretisches Fundament aufzubauen, bevor sie in die Praxis einsteigen. Unsere Schulleitung spielt hier eine zentrale Rolle. Sie arbeitet eng mit ihren Lehrpersonen zusammen, um eine qualitativ hochwertige Ausbildung zu gewährleisten und die Lernenden bestmöglich zu fördern und auf die Arbeitswelt vorzubereiten.
In der KV-Grundbildung der Juventus Wirtschaftsschule legen wir grossen Wert darauf, die Lernenden auf individueller Basis zu unterstützen. So bieten wir abseits vom klassischen Weg eine umfassende und zukunftsorientierte KV-Grundbildung, die junge Menschen optimal auf ihre berufliche Laufbahn vorbereitet.
Wie hat sich die Reform hier ausgewirkt?
MaHu: Die neuen Prüfungsformen erfordern jetzt eine kompetenzorientierte Ausbildung. Selbstorganisiertes Lernen wird verlangt und gezielt gefördert. Die Lehrpersonen sind nicht mehr nur reine Wissensvermittler:innen, sondern müssen ihre Rolle vermehrt als Coach verstehen, der gezielte Inputs gibt und danach interdisziplinäres Arbeiten begleitet und individuelle Unterstützung ermöglicht.
Inhaltlich werden Themenfelder, die auch in der realen Arbeitswelt ineinanderfliessen, seit der Reform in sog. Handlungskompetenzbereichen unterrichtet: «Koordinieren von unternehmerischen Arbeitsprozessen, Interagieren in einem vernetzten Arbeitsumfeld, Gestalten von Kunden- und Lieferantenbeziehungen und Einsetzen von Technologien in der digitalen Arbeitswelt».
Die Lernenden können sich in den Bereichen Sprache, Finanzen oder auch Technologie individuell vertiefen. Mit Blick auf die Arbeitswelt der Zukunft, die niemand von uns wirklich kennen kann, haben die Lernenden mit der Reform die Chance, ihre Kompetenzen breit aufzustellen und je nach Talent zu vertiefen. Das betrachte ich als grossen Vorteil.
Der Wechsel von altbekannten Fächern wie Deutsch, Rechnungswesen oder Mathematik hin zu vernetzten Unterrichtsinhalten hat – wie alle anderen KV Berufsschulen auch – mein Team und mich vor Herausforderungen gestellt. Die Veränderungen sind tiefgreifend, vom Stundenplan über die Lehrmittel bis zur Prüfungsform. Aus meiner Sicht ist der Prozess noch nicht abgeschlossen.
Wie jede derart grosse Veränderung braucht es viel Zeit. Ich bin froh, mit einem engagierten Team aus Lehrpersonen und im Austausch mit unseren Lernenden und den Praktikumsbetrieben reflektiert an Optimierungen in der Umsetzung der Reform arbeiten zu dürfen. Wir nutzen den gesetzten Rahmen weitestmöglich aus, um unseren Lernenden die bestmögliche Ausbildung zu ermöglichen.
ClSi: Die Lernenden werden auch aus meiner Sicht vermehrt auf die Anforderungen einer Wirtschaftswelt vorbereitet, die sich beständig weiterentwickelt und ständig verändert.
Schülerinnen und Schüler müssen lernen, vernetzt zu denken und sich unterschiedlichen Aufgaben und Anforderungen innerhalb verschiedenster Themengebiete anzupassen. Neben den traditionellen kognitiven Fähigkeiten werden die sozialen und emotionalen Kompetenzen wichtiger. Für uns ist es zentral, die individuellen Fähigkeiten unserer Schülerinnen und Schüler hervorzubringen und zu fördern. Die Kompetenzbereiche erlauben uns hier, das über unterschiedliche Themengebiete – eben vernetzt – aufzubauen.